Feedback zu kleinen Geschichten

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Toni_Nerdson
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Feedback zu kleinen Geschichten

Beitrag von Toni_Nerdson » Freitag 9. Juni 2017, 00:05

Hallo Leute!
Da ich hoffentlich bald für den Content von Pentaquin mitverantwortlich sein darf, sollte ich meine Schreib- und vor allem Erzählfähigkeit etwas aufbessern. Das geht aber nur, wenn ich konstruktive Kritik bekomme. Und damit ihr was zum Kritisieren habt, zeige ich euch hier mal drei Beispiele.

Zu den "40 Minuten Stories" sei gesagt, dass der Titel wirklich Programm war. Ich hatte im Rahmen einer Schreibchallenge lediglich 40 Minuten (maximal auf 45 ausgeweitet) Zeit, um mit kleinen Vorgaben eine Geschichte zu schreiben. Im Falle der "Marktplatzausstellung" sollte ein Marktplatz vorkommen und ein nicht näher beschriebener Gegenstand, der ausgestellt werden soll. Beim "Tatort Hotel" sollte unter anderem ein violetter Reisemantel vorkommen.
In der anderen Geschichte waren die Bedingungen ein Stiefel, ein Schwarzmarkt und der Grund, warum der Protagonist auf den Schwarzmarkt gehen will.

Viel Spaß beim Lesen!

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Toni_Nerdson
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Re: Feedback zu kleinen Geschichten

Beitrag von Toni_Nerdson » Freitag 9. Juni 2017, 00:09

"40 Minuten-Stories - Marktplatzausstellung"
Bald sollte es also soweit sein; noch heute würde man das Stück, das schon seit geraumer Zeit fester Bestandteil sämtlicher Kneipengespräche war, der Öffentlichkeit präsentieren. Da es in diesem Ort nur selten solche Spektakel gab, nachdem die Mietklingen des Dandrios hier das Sagen hatten, war man umso mehr darum bemüht, diese nicht zu verpassen.
Damit ich also einen guten Platz bekam, musste ich meine anderen Aufgaben möglichst schnell erledigen. Die Ausstellung fand am Abend statt, sobald die Sonne den Turm des Rathauses berührte. Also hatte ich gut vier Stunden Zeit. Das sollte mehr als genug sein. Zunächst sollte ich den alten verbeulten Kessel von der Feuerstelle nehmen. Gestern hatten wir darin den besten Eintopf, den man in dieser Gegend bekommen kann, gekocht und genüsslich verspeist.
Die letzten Reste, die sich noch im Kessel befanden, waren schon längst kalt und matschig und fühlten sich sehr fettig an. Ein kleiner Happen sollte dennoch nicht schaden. Allerdings musste ich das im Geheimen tun, denn die Mutter war eine sehr strenge. Zwar war sie zu allen Kindern des Heims so, aber manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie mit mir besonders böse schimpfte.
Der Kessel war selbst leer noch immer sehr schwer für nur eine Person. Doch unter den Heimkindern war ich eines der kräftigsten. Das mussten ein paar der anderen auf die harte Tour erfahren. Sie wollten es ja so!
Mit etwas Mühe schaffte ich es sogar bis zur Küche, ohne ihn einmal absetzen zu müssen. Leider war niemand zugegen gewesen, um Zeuge hiervon zu sein. Ich klopfte mir selbst auf die Schulter mit den Worten “Hast du gut gemacht!” und begann, den Blechbehälter zu schrubben.
Eigentlich war eine der Schwestern dafür zuständig, doch die sind alle auf einem Ausflug. “Pah!”, hörte ich mich sagen. Ein wenig unfair ist es schon gewesen, dass die Mädchen nicht so hart anpacken brauchten. Doch das sollte mich jetzt nicht weiter stören. Immerhin musste ich schnell fertig werden, damit ich die Ausstellung nicht verpasste.
Mutter betonte immer, dass man den Kessel von innen heraus putzen musste. Das sagte sich so leicht. Er war immerhin so groß, dass ich zur Hälfte hineinpasste. Ich musste also tatsächlich ins Innere klettern, um dort auch alle Stellen zu erreichen. Sie überprüfte das sehr genau! Und ich wollte keinen Holzhackdienst haben. Wenn es nur noch wenige Wochen bis zum Frostboden waren, fiel dieser Dienst nämlich immer besonders hart aus. Ich hatte den Kessel schon fast fertig geschrubbt, als ein schweres Hämmern an der Tür ertönte. Es konnte eigentlich nur eine dieser dämlichen Mietklingen sein.
Ich blieb still und tat so, als wäre niemand Zuhause. Sie wollten nur wieder die wöchentlichen Abgaben einfordern. Niemand konnte sie leiden. Elf Bewohner sind trotz ihres “Schutzes” den wilden Wölfen vor dem Dorf zum Opfer gefallen. Und dafür sollten wir unsere sowieso schon knappen Mittel mit ihnen teilen? “Pah!”, stieß es plötzlich aus mir heraus. Natürlich ist das der Mietklinge nicht entgangen, die das zum Anlass nahm, die Tür einfach aufzustoßen und in die Stube zu treten. Dass die Tür dabei so weit aufschwang, dass sie gegen das Regal daneben knallte und dadurch ein Gewürzkrug auf den Boden stürzte und zu Bruch ging, war ihm völlig egal. Gewürze waren teuer in dieser Gegend. Wegen der Wölfe, die einem bei Nacht gerne mal die Gärten verwüsteten.
Nur aus diesem Grund waren die Mietklingen überhaupt hier. Als sie merkten, wie arm unsere Gemeinde tatsächlich war und dass wir sie nicht mit Geld bezahlen konnten, kamen sie mit der Idee, unsere Wohnhäuser zu besetzen und von unseren Essensabgaben zu leben. Konnte jemand nicht bezahlen, so widerfuhr ihm auf “unerklärliche Weise” über Nacht ein schrecklicher Unfall. Wir hassten sie. Aber wir waren machtlos. Wir mussten sie erdulden, bis sie auf dieses Spiel keine Lust mehr hatten oder uns jemand aus der Situation half. Beides schien äußerst unwahrscheinlich.
Ein Grund mehr, sich auf die wenigen Höhepunkte zu freuen. Doch nun musste ich erst einmal aus dieser unangenehmen Situation gelangen! Die Mietklinge nahm einen der Hocker aus der Küche und setzte ihn mit einem lauten Knall neben mir wieder ab. Danach ließ er sich selbst auf diesen hinab und streckte mir seinen schlammbedeckten Stiefel entgegen.
“Na los!”, befahl er und zeigte auf den Lappen, den ich noch in meiner Hand hielt. “Wenn Du doch eh schon dabei bist…”, setzte er noch hämisch nach. Ohne eine Miene zu verziehen, machte ich mich an die Arbeit. Ich wusste, was passieren würde, wenn ich dem nicht nachkäme. Ich habe gesehen, wie er oder einer seiner Kumpanen den Nachbarsjungen heftig verdrosch, nur weil er ihre Schmutzwäsche nicht auch noch zum Waschplatz tragen konnte.
Wir alle hassten sie. Eines Tages! Eines Tages würden wir von ihnen befreit werden. Bis dahin mussten wir die Zähne zusammenbeißen und durchhalten. Sein Stiefel sah aus wie neu. Obwohl der andere nicht so schmutzig war, sah er nun im direkten Vergleich furchtbar aus. Ohne, dass er etwas sagen musste, machte ich mich auch an diesen ran. Bald würde ich fertig sein. Und dann konnte ich hoffentlich zum Marktplatz gehen und mir einen guten Platz für die Ausstellung sichern. Doch auch nach dem zweiten Stiefel schien er noch nicht zufrieden zu sein.
Egal. Der Marktplatz. Die Ausstellung. Bald würde ich dort sein.

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Toni_Nerdson
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Re: Feedback zu kleinen Geschichten

Beitrag von Toni_Nerdson » Freitag 9. Juni 2017, 00:12

"40 Minuten-Stories - Tatort Hotel"
Irgendetwas sagte mir, dass uns bald eine sehr unangenehme Situation bevorstehen würde. Mein Bauchgefühl täuschte mich selten. Außerdem gab es bei meinem Glück nur selten eine ganze Woche ohne Zwischenfälle. Na gut, immerhin war es mein Job, Fälle verschiedenster Art aufzuklären. Aber wenn ich gerade mit meiner Familie im Urlaub war, dann brauchte ich das nicht.
Die letzte Nacht brach an. Mein Sohn und meine Frau waren schon vor geraumer Zeit vor dem Fernseher eingeschlafen, während ich noch ein letztes Mal die kalte, klare Nordluft bei einem nächtlichen Spaziergang atmen wollte. Der Geruch der See hing schwer über den unzähligen Strandkörben, die ordentlich aufgereiht auf der Promenade zu sehen waren. In manch einem lagen sogar noch ein paar der Besucher, die man eher nachts antraf. Ich wollte Gespräche vermeiden, also ging ich in einem weiten Bogen an ihnen vorbei und genehmigte mir eine der hier erworbenen Zigarren. Eine Spezialität des Landes.
Aus Prinzip trug ich schon lange keine Uhr mehr bei mir. Zu lange bezeichnete man mich als einen “Sklaven der Zeit”. Und tatsächlich - ohne ständigen Blick auf die Zeiger fühlte ich mich irgendwie befreiter. Natürlich hatte es auch den Nachteil, dass man sich des Öfteren verspätete. So auch in dieser Nacht. Es musste schon lange nach Mitternacht gewesen sein, als ich den Aufzugsknopf für meine Etage drückte. Plötzlich zuckte ein kleiner Schmerz durch meinen ganzen Körper und ließ mich kurz nach Luft schnappen. Hatte mir der Knopf einen Stromschlag gegeben? Ich würde das hinterher mit in die Bewertung einfließen lassen.
Die Fahrt mit dem Aufzug kam mir langsamer als sonst vor. Zugegeben, ein Zimmer im 13. Stock zu nehmen war vermutlich nicht die beste Entscheidung gewesen. Aber so ist das nun mal mit Last Minute Angeboten. Man nahm, was man kriegen konnte. Ein lauten “Pling!” riss mich aus meinen Gedanken. Die Tür sprang auf und offenbarte mir einen langen, mit rotem Teppichboden ausgelegten Flur. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich die frische Nachtluft gegen stickige Hotelflurluft mit dezenter Gin-Note eingetauscht hatte. Mein Magen rebellierte ein wenig. Mit jedem weiteren Schritt etwas mehr. Würde ich mich erkälten? Ich hatte vor vielen Jahren einmal eine Phase, in der ich tagein, tagaus in den übelsten Kneipen der Stadt unterwegs gewesen bin. Dieser Geruch sollte mir also nicht so viel ausmachen. Doch nun vernahm ich einen weiteren strengen Geruch. Einer, dessen meine Nase schon überdrüssig war. Es roch nach rostigem Metall. Das konnte nur zwei Dinge bedeuten; entweder würde gleich eine Sirene losheulen oder irgendwo war Blut. Eine ganze Menge Blut!
Der Drang, der beruflichen Routine nachzugeben war stark. Doch eigentlich wollte ich nur noch in das warme Bett zu meiner Frau. Außerdem waren wichtige Dinge, die ich für eine Untersuchung bräuchte, sowieso im Zimmer. Also fischte ich den Schlüssel aus meiner Jackentasche und wollte gerade die Tür aufschließen, als ich feststellen musste, dass das schon jemand für mich tat. Die Tür war nur angelehnt. War das, was auch immer hier auf der Etage passiert sein mag, etwa so laut, dass Lizzy davon wach wurde? Oder gar Aiden?
Ich stellte den Ermittler in mir wieder etwas nach hinten, um ganz der Familienvater zu sein, der jetzt eventuell benötigt werden würde. Doch es sollte anders kommen. Der Ermittler ergriff sofort die Kontrolle über jede Zelle meines Körpers. Der Gestank des Blutes kam aus unserem Zimmer! Schnell durchsuchte ich jedes Zimmer der Suite, um meine Familie zu finden. Von Aiden keine Spur. Lizzy hingegen… Ich konnte ihre weichen Züge, die sich unter der Bedeckung abzeichneten, sofort erkennen. Außerdem spitzte noch ihre linke Hand heraus. Dieser Ring war einzigartig. Keine andere Frau auf dieser Welt konnte den gleichen haben.
Eine Träne rann über meine Wange. Wut und Trauer zugleich kochten in mir auf. Die Leiche war mit einem furchtbar geschmacklosen Mantel bedeckt. Ein violetter Reisemantel. Er hatte wieder zugeschlagen. Und diesmal sollte ich seine Spielfigur sein…

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Re: Feedback zu kleinen Geschichten

Beitrag von Toni_Nerdson » Freitag 9. Juni 2017, 00:20

"Aus dem Leben des Filius Eddart"

Dem Rate meines schon vor vielen Jahren verstorbenen Vaters folgend, nehme ich jeden meiner Tage sorgfältig bis ins kleinste Detail in mein teures Notizbuch auf. Teuer nicht etwa wegen des Preises, der gerade mal vier fette Hühner betrug, - das sind umgerechnet nur etwa 300 Kupferonen - sondern viel mehr wegen der Karte darin, die jemand irgendwann mal zu zeichnen angefangen hatte.
Seit knapp vier Dekaden reise ich nun schon umher, um das Werk zu vollenden. Man kann sich also sicherlich denken, wie viel ich schon in dieses Buch hineingeschrieben haben muss. Ganz zu schweigen von der Karte! Bestimmt den halben Kontinent habe ich schon aufgezeichnet. Und zu jeder Markierung auf der Karte gibt es mindestens eine Geschichte. Wenn ich mit meinem Finger blind auf eine beliebige Stelle der Karte zeige, kann ich zu selbiger sicherlich etwas erzählen.
Na, dann wollen wir doch einmal sehen. Oh! Die dreistöckige Stadt Trilamis. Das ist in der Tat ein sehr interessanter und ereignisreicher Ort, der viele Erinnerungen - gute wie schlechte - weckt. Diesmal erzähle ich eine Geschichte aus der von dichtem Wald umgebenen Unterstadt, berüchtigt für ihre hohe Kriminalität, aber gleichermaßen beliebt durch den geheimen Schwarzmarkt. Nun ja, so geheim ist er schon lange nicht mehr. Doch dazu komme ich gleich.
Die Geschichte spielte sich vor etwa zweiundzwanzig Jahren ab, als ich noch mit meinem treuen Gefährten Bota Caligo unterwegs gewesen bin. Ein echter Teufelskerl! Wenn man bei ihm überhaupt von einem “Kerl” sprechen kann - er war ein verzauberter Stiefel! Doch das ist wieder eine gänzlich andere Geschichte.

[…] Nachdem wir uns endlich durch den Wald gekämpft hatten, freuten wir uns auf eine wärmende Portion Sonnenlicht. Doch schnell wurde uns klar, warum man die Unterstadt neuerdings auch die Schwarze Stadt nannte. Es musste ungefähr Mittagszeit gewesen sein, und dennoch sah man sich mit einem abendlichen Ambiente konfrontiert. Ein Blick nach oben gab Aufschluss über die Situation - die dicken Glasböden der Mittelstadt waren so geschwärzt vom Rauch der Arbeiterhallenschlote, dass sie ihrer eigentlichen Funktion der Tageslichtweitergabe nicht mehr gerecht werden konnten. Es schien, als störe sich niemand daran. Logisch, bedachte man die hohe Bereitschaft zur Kriminalität. Im Halbdunkel ließ es sich vermutlich besser stehlen.
“Nun, Caligo, mein Abenteurersinn sagt mir, wir sollten eine Taverne aufsuchen, um an Informationen zu gelangen”, merkte ich an. “Also darauf wäre ich nun wirklich nicht gekommen, Fil. Wie machst du das nur?”, entgegnete Caligo schnippisch. “Weißt du denn auch, wo wir hier eine finden? Ich würde nur ungern in dieser Gegend umherirren. Nicht, dass ich auch noch gestohlen werde!”. Mit der Begründung, dass niemand an alten Stinkstiefeln interessiert sei, machte ich mich auf den Weg Richtung Stadtmitte. Denn selbst mir war es mulmig zumute, so alleine in einer fremden und gefährlichen Stadt offensichtlich planlos herumzustehen.
Zu unserem Glück war die Taverne gut ausgeschildert, da sie gleichzeitig als Umschlagplatz diente und um diese Zeit von vielen Leuten aufgesucht wurde. Wir mussten also lediglich dem Menschenstrom folgen, zu dem sich aus den vielen Seitengassen der Stadt noch einige andere Leute hinzugesellten.
Caligo drückte etwas an meinem Fuß. Das tat er immer dann, wenn er sehr aufgeregt war, was man ihm bei dieser Masse an potentiellen auf die Füße Tretern nicht verübeln konnte. Ich versuchte, mir die Umgebung einzuprägen. Immerhin musste man jederzeit dazu in der Lage sein, schnell das Weite zu suchen, sollte es nötig sein. Und ich hatte schon seit einiger Zeit das Gefühl, dass es heute soweit sein würde. Allerdings wurde ich aus diesem wirren Netz aus Straßen und Gassen einfach nicht schlau, zumal sich die Häuser alle sehr ähnelten. Als kämen sie aus dem gleichen Baukasten. Dass auch die Wände ein ähnliches Schicksal wie die Glasdecke ereilte, machte die Sache nicht einfacher. Ein einheitliches dunkelgrau erstreckte sich über nahezu jedes Bauwerk.
Hier und da stachen kleine Geschäfte oder Handwerker heraus durch ihre Werbeschilder. Die Masse schien sich etwas zu lichten. Wir waren angekommen - ein großer runder Platz mit einem verzierten Brunnen in der Mitte, dessen Wasserspiel aber eine sehr unappetitlich aussehende dunkle Flüssigkeit aus den Statuen ergießen ließ. Ein Warnschild bestätigte meine Vermutung nur; ungenießbar. Jenseits des Konstrukts ragte ein großes Haus empor und lud mit dem Schriftzug Zur Schwarzen Sonne in die örtliche Taverne ein. “Dann wollen wir mal”, drang es mir von unten ans Ohr. Caligo hatte sich wohl wieder beruhigt und war bereit, die Sache anzugehen, wegen welcher wir überhaupt hier waren.
Entgegen unserer Erwartung gingen die meisten Leute jedoch nicht in die Taverne, sondern verweilten entweder auf dem Platz davor oder wanderten in verschiedene Himmelsrichtungen weiter. Ein paar davon waren sicher auch auf dem Weg zu unserem eigentlichen Ziel. Doch da es einfach zu viele waren, wäre es sinnlos gewesen, sich an zufällige Fersen zu heften. Und durch die wirre Struktur konnte ich noch keine verlässliche Karte anfertigen. Also blieb uns nichts anderes übrig als die schwere Schwingtür des Lokals aufzustoßen - und dabei alle Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen.
Caligo fing sofort an zu drücken, was mich etwas stolpern und unbeholfen wirken ließ. Lautes Gelächter folgte, nach welchem sich aber alle wieder ihren Angelegenheiten zuwandten. “Seltam, findest du nicht?”, kam es fragend von unten. “Sie schienen erst so angespannt, haben sich dann aber sehr schnell wieder locker gemacht, nachdem sie nur dich Tollpatsch ausgemacht hatten.” Ich ließ das unkommentiert und wackelte nur mit den Zehen. Das gab ihm zu verstehen, dass es jetzt eher ungünstig wäre, mit einem sprechenden Stiefel aufzufallen.
Beim Durchqueren der Stube versuchte ich, Gesprächsfetzen aufzuschnappen, die nützliche Informationen versprachen. Fehlanzeige. So frei sprach man natürlich nicht darüber. Immerhin sollte es ja geheim gehalten werden. Der Plan war also, erstmal an der Theke zu verweilen und die Besucher zu beobachten. Irgendeiner musste doch Bescheid wissen. Die Wartezeit versüßte ich mir mit einem Getreidebräu.
Dank seiner Sicht auf die Welt war es Caligo, dem zuerst etwas Verdächtiges auffiel. Ein Bündel wurde unter einem der Tische weitergereicht und dann gegen Geld getauscht. Es handelte sich um drei Kerle, die eigentlich ganz normal aussahen. Na gut, es wäre auch sehr auffällig, wenn sie sich komplett einhüllen und ständig nervös umherblicken würden. Aber für scheinbar einfache Arbeiter interessierte sich hier niemand.
Zwei der Männer standen auf und gingen mit einem Handzeichen zum Wirt durch die Tür ins Getümmel auf dem Platz. “Sollen wir….”, der Stiefel verstummte, als ich mein Gewicht auf den linken Fuß, an dem ich ihn trug, verlagerte. Ich gab ihm zu verstehen, dass wir ihnen nicht folgen, sondern uns lieber um den noch verbliebenen Kerl kümmern sollten. Er hatte immerhin die Ware herausgegeben. Unauffällig näherte ich mich dem Tisch, an dem der Händler saß, um gerade so in Hörweite zu sein, was mich bei der hier herrschenden Lautstärke doch ziemlich nah an ihn heran zwang. Der Blick des Unbekannten schnellte für einen kurzen Moment zu mir herüber. Da ich aber ja nur der Tollpatsch war, beachtete er mich nicht weiter. Zum Glück!
Es verging einige Zeit, bis ein ziemlich großer muskelbepackter Mann und eine neben ihm unrealistisch klein wirkende Frau die Stube betraten und - auch mit diesem Handzeichen zum Wirt - an den Tisch des Händlers setzten. Sehr gut. Das könnte jetzt interessant werden, dachte ich mir und nippte an meinem Getränk. Tatsächlich fielen ein paar Sätze, die auf illegale Aktivitäten deuteten, aber sie waren gerade so kryptisch genug, um nicht zu viel zu verraten.
Außerdem gab es noch zwei andere Auffälligkeiten; nicht der Hüne, sondern die kleine Frau hatte das Sagen, was angesichts der zweiten Sache nicht verwunderte - er war ihr Gefangener! Zuerst dachte ich, dass er sich wegen der übertriebenen Muskelmasse so klobig fortbewegte. Doch in Wirklichkeit waren unter der Robe Fesseln an Händen und Füßen. Ich war wirklich erstaunt. Wie ist das denn möglich?, fragte ich mich. Doch ich musste mich wieder auf das Gespräch konzentrieren, welches noch eine Weile andauerte. Doch je länger es anhielt, desto mehr konnte ich verstehen, um was es eigentlich ging.
Eine Art Arena, in der hohe Summen auf Kämpfer gewettet wurden, die bis zum Tode kämpften. Ich biss mir auf die Lippen, um einen Ausruf des Entsetzens zu vermeiden. Denn der Grund, warum ich mich überhaupt hierher begab, war die Suche nach einem Kameraden, der mich vor einiger Zeit für viele Wochen begleitete. Bis wir uns trennten, weil er in einem Dorf wenige Tagesmärsche von hier bei seiner Familie bleiben wollte. Vor etwa einer Woche kam ich dorthin zurück, da ich sowieso in der Gegend war, doch konnte ihn nicht antreffen. Nicht einmal seine Frau wusste, wo er war.
Caligos und vor allem meinem Spürsinn war es zu verdanken, dass wir in Erfahrung bringen konnten, dass er sehr wahrscheinlich verschleppt worden war. Es kursierten in der Gegend nämlich Gerüchte über Entführungen starker Krieger. Hatte es nun ihn getroffen? Natürlich machte ich es mir zur Aufgabe, nach ihm zu suchen. Letztendlich führte die Spur dann in die Unterstadt von Trilamis… Die Unterhaltung schien beendet. Doch anstatt eines weiteren Tausches fand nur die Übergabe eines kleinen Zettels statt. Ich konnte nicht erkennen, was darauf stand. Die Frau überflog ihn kurz und steckte in dann in ihre Manteltasche. Danach stand sie ohne den Riesen auf und verließ - abermals mit diesem Handzeichen - die Taverne.
Zumindest war das ihr Plan, doch ein eingehüllter Mann, der wie aus dem Nichts aus einer Ecke der Stube erschien, versperrte ihr den Weg und packte sie am Arm. Plötzlich kippte die Stimmung, als wüsste jeder, was nun folgte. Und tatsächlich war das noch nicht alles. Es kamen fünf weitere Gestalten aus den Schatten und noch einmal drei von draußen durch die Eingangstüre. Unsicher, wie ich darauf reagieren sollte, versuchte ich mich langsam in die andere Richtung zu verziehen. “Jeder bleibt genau dort stehen, wo er ist!”, schallte es scharf aus der Richtung des Eingangs. Es musste einer der Eingehüllten gewesen sein.
Als ich mich nach ihnen umdrehte, sah ich, wie einer von ihnen zu mir zeigte und ein weiterer schnellen Schrittes auf mich zukam. Oh nein! Was soll ich nur tun?, fragte ich mich fast schon panisch. Doch Caligo drückte mir so fest auf den Fuß, dass ich mich wieder fangen konnte. “Danke”, hörte ich mich noch selbst sagen, bevor ich wie ferngesteuert die nächstgelegene Flasche vom Tisch grabschte und einem der Gäste über den Schädel zog.
Instinktiv duckte ich mich weg und verkroch mich unter eben jenem Tisch. Gerade rechtzeitig! Denn nachdem er sich die nun blutende Wunde gerieben hatte, schwang er seinen kräftigen Arm blind nach hinten und traf dabei einen weiteren Gast, der durch den Schlag wiederum auf einen am Tresen sitzenden Mann stürzte. Es war wie eine Kettenreaktion. Plötzlich flogen in der ganzen Taverne die Fäuste!
Tischen wurden umgekippt, Stühle wurden zu Waffen umfunktioniert, Flaschen und Krüge ebenfalls. Perfekte Zeit also, jetzt das Weite zu suchen. Ich wusste, es würde so weit kommen! Die Männer, die überhaupt erst für die angespannte Situation gesorgt hatten, warfen nun ihre großen Umhänge vom Leib und entpuppten sich als eine Einheit der Stadtwache.
Erst als ich später aus dem ganzen Tumult ausbrechen konnte, wurde mir klar, dass wohl die Taverne selbst zumindest ein Teil des berüchtigten Schwarzmarktes war. Und die Wache war hier, um für Ordnung zu sorgen - manchem Beamten sagte man auch Korruption nach. Um mir Unannehmlichkeiten zu sparen, wollte ich trotz meiner Unschuld lieber nicht in die Finger dieser Leute gelangen. Aus eigener Erfahrung wusste ich nur zu gut, dass der Prozess selten reibungslos ablief. Vorsichtig krabbelte ich also von Tisch zu Tisch, gelegentlich eine Flasche werfend, um die Aufmerksamkeit auf die Stelle zu lenken, an der sie in tausend Scherben zersprang.
Die Tür war nun wenige Schritte von mir entfernt und nur noch durch eine Wache versperrt. Ich nahm also all meine Kraft zusammen, um auf ihn zuzustürmen und einfach wegzustoßen. In Wirklichkeit bewegte sich mein Körper allerdings nicht vorwärts, sondern nach oben in die Luft. Der Riese, der an der von mir belauschten Runde gezwungenermaßen teilnahm, packte mich an meiner Kapuze und zog mich nach oben, als wöge ich nicht mehr als ein voller Getreidebräukrug.
Mit vor Angst zitternder Stimme brachte ich noch hervor, ich wolle ihm helfen und dass ein Freund von mir auch gefangen gehalten würde. Ich erfuhr nie, ob er auch nur ein Wort von mir verstand, jedenfalls warf er mich nicht wieder in den Raum zurück, sondern durch das Fenster nach draußen auf den Platz. Trotz äußerst unsanfter Landung war ich wirklich froh darüber. Doch noch war nicht die Zeit zum Feiern gekommen. Ich wusste noch immer nicht, wo mein Freund gefangen gehalten wurde. Zudem befand ich mich noch in der Gefahrenzone und einer der Wächter konnte jeden Moment nach draußen kommen, um nach mir zu suchen. Eines dieser Probleme konnte ich sofort lösen. Also nahm ich abermals die Beine in die Hand und ging so schnell ich konnte - ohne zu rennen, denn das hätte möglicherweise ungewollte Aufmerksamkeit auf mich gelenkt - außer Hör- und Sehweite des Tavernenplatzes.
Müsste ich schätzen, hätte ich gesagt, dass ich an mindestens hundert Abzweigungen vorbeikam. Manch eine nahm ich, andere ignorierte ich. In der Gasse eines Schmiedehauses kam ich endlich zum Stehen und schnaufte wie ein überfütterter Novura-Büffel. Erst jetzt, als man die Glasdecke wieder sehen konnte, bemerkte ich, dass es tatsächlich schon dunkel geworden war. Hatte man tagsüber schon Sorge um seine Sicherheit, so konnte man nachts sicher sein, dass etwas passierte.
Also klopfte ich erst einmal den Schmutz von meiner Kleidung und spähte dann durch das Fenster in die Stube des Schmieds. Entweder war keiner Zuhause oder sie schliefen schon alle. So oder so war das für mich das Zeichen dafür, mich selbst hineinzulassen, denn wer weiß, wie weit es bis zur nächsten Bleibe gewesen wäre. Ein Abenteurer in Not musste sich schließlich zu helfen wissen. Immerhin hatte ich meinen eigenen Proviant dabei und aß ihm nichts weg.
Die Suche nach meinem Kameraden würde ich morgen fortsetzen, sagte ich mir, während meine Augen immer schwerer wurden. Auch Caligo war vom Gerenne ziemlich fertig und gab keinen Ton mehr von sich. […]

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Re: Feedback zu kleinen Geschichten

Beitrag von Christian » Montag 12. Juni 2017, 02:12

Ich bin echt ziemlich begeistert von deinem Schreibstil. Mir gefällt es, dass du die Szenen sehr bildlich beschreibst. Du verwendest viele beschreibende Adjektive und Vergleiche. Deine Texte lesen sich schön und man kann sich die Situationen gut vor dem geistigen Auge vorstellen.

Bei der Geschichte der dreistöckigen Stadt fand ich es beispielsweise gut, wie detailliert du die Umwelt beschrieben hast. Warum es beispielsweise dunkel wird (gläserner Zwischenboden ist rußgeschwärzt) mag für den einen vielleicht ein nebensächliches Detail sein, ich finde aber gerade diese kleinen Merkmale machen fiktive Orte erst richtig lebendig.

Auch Spannung vermagst du gut rüber zu bringen, in der Hotel-Geschichte beispielsweise ist dir das beim Annähern des Protagonisten an den Tatort bzw. seine ermordete Frau sehr gut gelungen, man konnte sich auch gut in seine Situation hinein versetzen. Habe in dem Moment tatsächlich kurz mit dem armen Kerl mit getrauert.

Ich kann dir leider keine Ratschläge mit auf den Weg geben, da ich nicht wüsste was man noch verbessern kann. :mrgreen:

Bin gespannt auf deine ersten Pentaquin-Geschichten. :)

guterbeitrag
Mit freundlichen Grüßen, Christian ;)
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Re: Feedback zu kleinen Geschichten

Beitrag von Toni_Nerdson » Dienstag 13. Juni 2017, 15:23

Wow, danke :D
Freut mich, dass es gefällt!
Ich taste mich langsam vor, um dieses (oder ein besseres) Niveau irgendwann auch auf Romanlänge halten zu können.
Mein Deutschlehrer meinte zB, dass die Geschichte mit der dreistöckigen Stadt in der zweiten Hälfte etwas nachlässt.

Bin auch schon gespannt drauf, mit der Pentaquin-Welt zu arbeiten :)

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